Käsefußlieder und Katzensongs
Irgendwann passiert es allen Eltern: Das Autoradio läuft, der CD-Player spielt laut „Pizza, Pizza, Pizza“, den Piratensong oder dieses eine Lied über den kleinen Ritter - und die Mama singt leidenschaftlich mit. Und merkt irgendwann, dass die Kindersitze im Auto hinten aber leer sind. Dass die Kinder ja im Kindergarten oder in der Schule sind, und man nun eigentlich endlich „Erwachsenenmusik“ hören könnte. Aber die Musik der Kinder bohrt sich eben nicht nur wie Ohrwürmer in die Ohren der Mamas und Papas, sie ist eben oft auch einfach richtig gut.
„Es ist ein Wunsch und auch eine Absicht von mir, dass auch die Eltern meine Musik gut finden“, erzählt Reinhold Siebert, der als Kinderliedermacher Brennholz erfolgreich Musik für Kinder und Familien macht. Er nennt seine Musik deshalb auch bewusst „Familienlieder“. „Ich habe die Intention, vollwertige Lieder zu schreiben, mit Themen, die für Kinder interessant sind. Ich trenne Musik für Erwachsene und Kinder nicht so stark“, erzählt er. Brennholz-Konzerte finden deshalb auch manchmal in Rockclubs statt, in denen Reinhold Siebert am Abend mit seiner Band für Erwachsene spielt.
Auch die junge Liedermacherin Kiri Rakete aus Wien möchte Musik für Kinder machen, die der ganzen Familie Freude macht: „Ich bekomme oft das Feedback, dass meine Lieder nicht langweilig werden und es immer etwas neues zu entdecken gibt. Mir ist es schon wichtig, Musik zu produzieren, die die Eltern nicht nach dem dritten Mal Anhören aus dem Fenster schmeißen“, sagt sie und lacht. „Sondern vielleicht erst nach dem zehnten Mal.“
Kiri Rakete macht seit einem knappen Jahr Musik für Kinder, sie ist durch ihre Arbeit als Kindergartenpädagogin zum Liederschreiben gekommen. Ihre Lieder drehen sich um Natur und Umwelt, um Tiere und Menschen, und haben nicht selten einen Protestcharakter. Es geht mir um Wissens- und Wortschatzvermittlung, aber vor allem um den Spaß in der Musik.“ Zum Kinderliedermachen ist Kiri Rakete, die eigentlich Kerstin Ragette heißt, durch einen Zufall gekommen: Bei der Praxis während ihrer Ausbildung suchte sie passende Lieder zu Themen, die in ihrer Kindergruppe behandelt wurden. Da sie aber kein Lied über Recycling fand, hat sie es einfach selbst erfunden. „Oft habe ich auch Lieder über das gemacht, was ich mit den Kindern geblödelt und geplaudert habe.“ Die Kinder in ihrer Gruppe haben ihre Lieder geliebt, und auch die Eltern wollten sie bald hören – also hat Kiri im Wohnzimmer ihre erste CD aufgenommen. Die CD verbreitete sich, und bald kam das erste Konzert im Jänner 2017. Es folgten einige Auftritte und die erste professionelle EP, die Mitte November erschienen ist. Kiri, die schon einige Jahre als Singer/Songwriterin Lieder für Erwachsene schreibt, wurde durch das Kinderliedermachen beflügelt: „Ich war immer recht unsicher als Künstlerin. Das Feedback der Kinder war aber ein richtiger Motivationsboost“, erzählt sie. „Ich bin wirklich daran gewachsen. Kinder sind authentisch und direkt, und das ist etwas Schönes.“
Bei ihren Kinderliedern ist ihr wichtig weiterzugeben, dass Musik Spaß machen kann, dass Musik Geschichten erzählt – und auch so manche ungeliebte Alltagstätigkeit leichter machen kann. „Musik ist ein Alltagsventil, man kann über alles eine musikalische Geschichte erzählen. Als Kindergartenpädagogin bearbeite ich schwierige Situationen mit Musik. Wenn ich Händewaschen oder Schuheanziehen musikalisch einfädle, geht es viel besser.“ Auch viele ihrer Kiri-Rakete-Lieder sind so entstanden – das „Käsefüßelied“ etwa, weil ein Bub in der Kindergruppe die Patschen nicht selber anziehen wollte, das Ritterlied, weil sich ein anderer Bub gefragt hat, ob Ritter Unterhosen anhaben. Bald wird Kiri auch für ihr eigenes Kind singen – die Musikerin geht demnächst in Babypause. „Ich bin schon gespannt auf die neue Art von Inspiration mit einem eigenen Kind, und wie das Muttersein meine Arbeit verändern wird.“
Kiri Rakete bei einem ihrer Konzerte.
Der Kinderliedermacher Brennholz kennt diese Art von Inspiration: Seine ersten Familienlieder sind aus Alltagssituationen mit seinem älteren Kind entstanden, erzählt Reinhold Siebert: „Ich habe immer etwas gesungen oder erfunden. Im Alltag waren das Spontanlieder wie ,Eine Windel für den Herrn, eine Windel hätt´ er gern’. Manche dieser Gebrauchslieder sind geblieben, manche wieder verschwunden.“ Reinhold Siebert ist Musiker, studierter Pädagoge und Kultur- und Musikvermittler und arbeitet seit über 20 Jahren mit Kindern, unter anderem einige Jahre im Zoom Kindermuseum. Dort entstand auch sein Künstlername Brennholz: „Die Kinder konnten sich meinen Namen nicht merken, sie sagten ,Reinholz’ oder eben Brennholz.“ Der Künstlername Brennholz war geboren. Allerdings nicht der einzige: Reinhold Siebert tritt seit vielen Jahren als Frenk Lebel auf, außerdem mit seiner Band Nowhere Train. „Derzeit mache ich aber sogar mehr Musik für Kinder. Das Kinderliedermachen ist für mich künstlerisch sehr erfüllend. Es ist so ein gemeinsames Erlebnis mit den Kindern. Bei Erwachsenen muss ich viel mehr rackern, damit sie aus ihrer Konfortzone kommen. Kindern muss ich das nicht erklären.“
Brennholz-Konzerte sind wirkliche Erlebnisse: Vorne sitzt Reinhold mit Gitarre und Cajon-Schlagzeug, der die Kinder mit dem Begrüßungslied „Hallo!“ schon von der ersten Minute an in den Bann zieht, spätestens bei der Lokomotive Lola oder der Wolke Polke singen alle mit. Als „poppige Familienlieder“ beschreibt Reinhold Siebert seine Lieder, sie sind poetisch, humorvoll, gehen manchmal ins Absurde und treffen die Kinder mitten in ihrer Lebenswelt. Es geht ums Schwimmen, um Pizza, um Radl und Roller oder auch einmal darum, wie ein Baby im Bauch wächst. „Derzeit arbeite ich als Sprachförderer mit 4- bis 6-Jährigen, sie sind eine wichtige Inspirationsquelle. Ich höre den Kindern gut zu, was sie bewegt. Aus der Interaktion entstehen dann viele Lieder.“
Mai Cocopelli ist schon seit vielen Jahren Kinderliedermacherin und eine der erfolgreichsten in Österreich und Deutschland, schon 1990 hat sie in der Ausbildung zur Kindergärtnerin die ersten Lieder für Kinder geschrieben, später hat sie sich als Musikerin selbständig gemacht und sich plötzlich im Kreis der Helden ihrer eigenen Kindheit wiedergefunden. „Ich bin mit Rolf Zuckowski aufgewachsen und plötzlich saß ich mit ihm bei einem Kinderliederkongress zusammen“, erzählt sie. Dass nach einem Nachwuchssänger-Konzert Zuckowski auf sie zukam und sagte „Mit Dir beginnt eine neue Dimension der Kindermusik, wie konntest Du uns nur so lange verborgen bleiben“, erzählt sie auch heute noch stolz. Es folgte eine regelrechte Kindermusik-Karriere mit Fernsehauftritten, Preisen, hunderten Konzerten und vielen CD-Erscheinungen. Heute spielt Mai Cocopelli, die in Regau lebt und Mutter einer 12-jährigen Tochter ist, weniger Konzerte und widmet sich Projekten wie einer Ukulele-Onlineschule für Volksschulen, die allen Kindern ermöglichen soll, dieses Instrument zu lernen. „Ich will Musik in die Familien bringen, Musik hinterlässt Spuren und bildet das Herz.“
Kinderliedermacherin Mai Cocopelli (c) Christoph Hilger
INTERVIEW MIT MAI COCOPELLI
„Ich mag Kinder von Kopf bis Fuß“
Wann hast Du Deine ersten Kinderlieder geschrieben?
Ich habe schon als Kind davon geträumt, die Am-Dam-Des-Tante Ingrid aus dem Fernsehen zu werden, die mit Kindern singt und ihnen Geschichten erzählt. Also habe ich die Ausbildung zur Kindergartenpädagogin gemacht, und bin mit 15 Jahren durch ein Missgeschick zum Kinderliederschreiben gekommen. Ich musste den Kindern ein Nikolauslied beibringen, das ich selbst doof fand. Deshalb habe ich ein Winterzauberlied für sie geschrieben, das eingeschlagen hat. Die Kinder wollten es immer wieder singen.
Wie ging es weiter?
Nach einem Studium der Musikelementarerziehung und Gitarre am Brucknerkonservatorium in Linz und zwei Jahren, an denen ich an der Musikschule unterrichtet habe, habe ich beschlossen auf die Bühne zu gehen und mich als Musikerin selbständig gemacht.
Wodurch kam der Durchbruch?
Im Jahr 2007 habe ich beschlossen mich zu verschenken. Musik machen zu können ist ein so großes Geschenk für mich, dass ich meine Konzerte an karitative Organisationen verschenkt habe. Das war gar nicht strategisch gedacht, aber plötzlich war mein Kalender voll. Auf einmal war mein Name bekannt, und die Konzerte waren ein Lernfeld für mich. Ich habe Wettbewerbe gewonnen und auch Rolf Zuckowski, den Held meiner Kindheit kennengelernt.
Du hattest in den vergangenen Jahren sehr viel Erfolg, und hast viele Konzerte gegeben. Zurzeit trittst Du ein wenig kürzer, was ist der Grund dafür?
In Höchstzeiten habe ich 90 bis 100 Konzerte im Jahr gespielt. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich die Zeit als Mama noch auskosten und genießen will. Die Zeit vergeht so schnell, meine Tochter Ciara ist jetzt 12 Jahre alt. Sie war auf vielen meiner Konzerte dabei und spielt auch in meiner Band mit. Aber ich möchte jetzt auch mal einfach Mama sein und nicht immer alles unter einen Hut bringen müssen. Ich lerne jetzt auch, dass ein Wochenende ein Wochenende sein darf.
Außerdem habe ich so viele Projekte in der Schublade, zu denen ich nie komme, wenn ich von einem Konzert zum nächsten toure.
Wie ist Deine Tochter mit Deiner Karriere umgegangen?
Bei Konzerten hatten wir unsere Rituale, ich habe ihr gezeigt, dass ich zwar zu allen Kindern lieb bin, aber eben nur ihre Mama bin.
Sie ist in die Musik hineingewachsen, hat begonnen Schlagzeug zu lernen und spielt jetzt Bass in der Band. Sie spürt, dass das auch ihr Weg ist, aber ich habe sie nie dazu gedrängt. Das habe ich bei meinen Konzerten gelernt: Am besten ist es, wenn Kinder etwas von sich aus wollen, es soll immer eine freiwillige Geschichte sein.
Was sind Deine Inspirationsquellen für Lieder?
Meine Inspiration ist meistens ein Gefühl, dem ich folge – oder ich arbeite themenbezogen und schreibe Lieder zB zu Yoga.
Auch meine Tochter Ciara hat meine Kinderlieder immer vorangetrieben. Als sie gemeint hat, meine Lieder müssten cooler sein, habe ich die Weltraum-CD gemacht und damit gleich einen Preis gewonnen. Jetzt kommt meine englische CD heraus und plötzlich singt sie wieder die alten Lieder. Wenn die Lieder auf englisch sind, können auch die Kinder im Gymnasium oder der Mittelschule wieder die Lieder ihrer Kindheit singen.
Manche Deiner Lieder sind regelrechte Hymnen geworden, wie das Muttertagslied. Was ist das für ein Gefühl für Dich?
Manchmal muss ich aufpassen, dass ich nicht zu gerührt bin, wenn ich sie singe - wie einmal, als ich das Muttertagslied mit 150 Kindern gesungen habe. Es ist wirklich eine Gnade, dass ich etwas machen kann, das so viele Generationen bewegt.
Du machst mittlerweile seit Jahrzehnten Kindermusik. Hast Du jemals daran gedacht etwas anderes zu machen?
Ich habe einmal sogar einmal überlegt aufzuhören, und bin mit so viel Feuer zurückgekehrt. Ich liebe Kinder über alles. Wenn Kinder zu mir sagen „Ich bin Dein größter Fan“, kann ich nur sagen: „Ich bin auch Dein größter Fan“. Ich liebe die Lebendigkeit, die Spontaneität, die Ehrlichkeit, das Staunen der Kinder. Ich mag Kinder von Kopf bis Fuß – und deshalb wird es nie langweilig.